Das INTERNETANTIQUARIAT.com im Steeler Antiquariat
Aktuelle Presseartikel zu Buchhandel + Literatur
- Oktober 1999 -
(Eine Auswahl des INTERNETANTIQUARIAT.com)
Neue Chance f�r Buchpreisbindung. Wettbewerbskommissar Monti fordert Kompromiss
Der Virtuelle Buchh�ndler: Neue K�uferschichten im Visier
Silberscheibe kontra Papier - Elektronische Medien auf der Buchmesse
Das sagen Stuttgarter Buchh�ndler zur Nobelpreisverleihung
Ohne Grass w�ren die Deutschen anders
Die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den deutschen Schriftsteller G�nter Grass ist auch international bei Autoren und Zeitungen auf ein fast einhellig positives Echo gesto�en. Gleichzeitig l�ste die Nachricht eine gro�e Nachfrage nach den B�chern von Grass aus. Als "gl�nzende Entscheidung" oder als "absoluten Volltreffer" w�rdigten gro�e Bl�tter die Entscheidung der Schwedischen Akademie. Autoren-Kollegen sprachen davon, dass das Werk von Grass "einzigartig" sei und der Schriftsteller die Auszeichnung l�ngst verdient habe.
"Mit der Verleihung des Nobelpreises an G�nter Grass hat die Schwedische Akademie einen gl�nzenden Beitrag zum Verst�ndnis Europas in diesem Jahrhundert geleistet", schreibt die linksliberale spanische Zeitung "El Pais". Die "Basler Zeitung" zeigte sich "ein bisschen ger�hrt", denn mit Grass habe "endlich der Schriftsteller den Literaturnobelpreis bekommen, der im Grunde der geborene Literaturnobelpreistr�ger ist." Jos� Saramago, der portugiesische Literatur-Nobelpreistr�ger des Vorjahres, hat Freude �ber die Wahl seines Nachfolgers Grass bezeugt: "Es ist, als ob ich es schon wusste, und es war f�r mich eine besondere Freude. Sein Werk ist einzigartig, und zwar auf Europa und die Welt bezogen."
Der italienische Dramatiker Dario Fo, der 1997 mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden war, meinte: "Zuerst ich, dann Saramago und jetzt G�nter Grass. Die linken Intellektuellen laufen gut in Stockholm." Die konservative Londoner "Times" schrieb: "Die gro�e Frage f�r die Deutschen ist, ob Grass tats�chlich die literarische Stimme der Nation ist. Diese Frage bleibt unbeantwortet. Sie ist so tiefgreifend, dass sie gar nicht beantwortet werden kann - und damit zugleich auch durch und durch deutsch." Die liberale polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza" schreibt: "Ohne Grass w�ren die Deutschen eine andere Nation. In gewisser Weise w�ren auch wir Polen eine andere Nation. Dieser ungew�hnliche Danziger mit seinem Schnurrbart hat nie seine Sympathie f�r unser Land verborgen." In der "Neuen Z�rcher Zeitung" ist zu lesen: "Am politischen Grass scheiden sich die Geister". Grass's vitale Sprachmacht, sein geradezu orientalischer Erfindungsreichtum und seine virtuose Montagetechnik seien kaum umstritten. Die ebenso unbestreitbaren M�ngel t�rmten sich indes durch die Denkmalsgr��e des Autors zum �rgernis auf. Die Schw�chen best�nden darin, "dass die Botschaft, diese Totengr�berin des Fiktionalen, die plastisch-rauhe Phantastik unterh�hlt und der erz�hlerischen Sinnlichkeit das Leben entzieht".Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, scharfer Kritiker der letzten B�cher von Grass, hat dennoch die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises an den Autor begr��t: "Das ist hocherfreulich, er hat ihn l�ngst verdient", sagte Reich-Ranicki im ZDF.
Grass-Verleger Gerhard Steidl hat alle vier Maschinen in der Druckerei in der Nacht zu gestern auf Grass-Titel umstellen lassen: "Wir arbeiten in drei Schichten, und wenn es nicht reicht, m�ssen wir Druckauftr�ge vergeben", sagte Steidl. Auch der Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) in M�nchen, bei dem die Lizenzausgaben erscheinen, meldeten lebhafte Nachfrage.
(01.10.1999 )
Das sagen Stuttgarter Buchh�ndler zur Nobelpreisverleihung
��G�nter Grass bestellt man sich nicht im Internet''
Seine Romane und Reden sorgten fast immer f�r Diskussionsstoff. An G�nter Grass schieden sich stets die Geister. Auch zu seiner jetzigen Auszeichnung mit dem Literatur-Nobelpreis k�nnte die Stimmung in den Stuttgarter Buchhandlungen kaum gegens�tzlicher sein. Durch die Verleihung des Nobelpreises an einen deutschen Schriftsteller hoffen die Buchh�ndler auf eine Belebung der Nachfrage im Buchgesch�ft.
��Es wurde Zeit, dass nach so langer Zeit wieder ein deutscher Autor den Nobelpreis gewonnen hat. Ich bin sicher nicht mit allem einverstanden, was er ver�ffentlicht hat. Eines seines Verdienste ist ohne Frage, dass er die Heile-Heile-G�nse-Welt der Nachkriegszeit durchbrochen hat. Die hervorragende Auszeichnung wird aber bestimmt auch helfen, wieder den einen oder anderen Leser auf den Weg in die Buchhandlung zu locken. Besonders j�ngere Leute finden jetzt vielleicht vermehrt den Zugang zu seinen B�chern. Wir Buchh�ndler werden sicher davon profitieren. Wir gelten ja teilweise schon als das Auslaufmodell der Tante-Emma-L�den des 20.Jahrhunderts. G�nter Grass bestellt man sich aber nicht im Internet.'' (Julius Pischl, Buchhandlung Julius)
��Es ist sch�n f�r G�nter Grass, dass er den Nobelpreis bekommen hat. Ich denke mir aber, dass diese Auszeichnung eigentlich eine Signalwirkung haben sollte. Ein Autor aus einer selten �bersetzten Sprache h�tte f�r mich diese Wirkung. Genauso f�nde ich es wichtig, dass Autoren diese Auszeichnung verliehen wird, die noch unbekannter sind. Dadurch k�nnten gerade Nachwuchsautoren gef�rdert werden. Damit will ich nicht die Verleihung des Nobelpreises an G�nter Grass schm�lern. Als Kr�nung f�r sein Leben muss man es ihm wirklich g�nnen.'' (Frederike Votteler, Buchhandlung Hoster).
��Seit zehn bis f�nfzehn Jahren ist bei der Verleihung des Nobelpreises immer wieder G�nter Grass im Gespr�ch. Und jedes Mal hat man sich dann gedacht: Schon wieder ist es nichts geworden. Er hat es ohne Zweifel verdient. F�r mich ist er eine interessante Pers�nlichkeit. Sein Roman ,Die Blechtrommel' war jedenfalls eines seiner sehr guten Werke. Er hat mich aber auch nie so gefesselt. Aber dies liegt auch daran, dass ich als Buchh�ndlerin eine ganze Palette von B�chern lesen muss.'' (Britta Gendreizig, Buchhandlung Wittwer)
��Er hat jetzt schlie�lich sehr lange darauf gewartet. Von den deutschsprachigen Autoren hat er es wirklich am meisten verdient. Mich interessieren seine Themen, die er verarbeitet, jedoch nicht so. Ich sch�tze vielmehr sein politisches Engagement. Bei der Verleihung des Nobelpreises an ihn ging es jetzt wieder um die Literatur. Oftmals hatte man ja den Eindruck, dass bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises politische Gr�nde den Ausschlag gegeben haben. Mit G�nter Grass als Preistr�ger hat die Literatur wieder gewonnen.'' (Anette Diem, Buchhandlung Wittwer).
��Wenn ich ehrlich bin, liegen mir die B�cher von G�nter Grass nicht so. Schon seit langem wollte ich ,Ein weites Feld' von ihm lesen. Aber er liegt wirklich nicht auf meiner Linie. F�r mich gibt es andere interessanteAutoren.'' (Gerda Walter, B�cherkabinett am Marktplatz)Tobias Rohrberg.
1999 Stuttgarter Nachrichten
Tr�ger des Literatur-Nobelpreises seit 1990
Seit 1990 wurden mit dem Nobelpreis f�r Literatur ausgezeichnet:
- 1990 Octavio Paz (Mexiko), �Der Sonnenstein�
- 1991 Nadine Gordimer (S�dafrika), �Burgers Tochter�
- 1992 Derek Walcott (Trinidad und Tobago), �Omeros�
- 1993 Toni Morrison (USA), �Teerbaby�
- 1994 Kenzaburo Oe (Japan) �Der stumme Schrei�
- 1995 Seamus Heaney (Irland), Lyriker, �Wintering out�
- 1996 Wislawa Szymborska (Polen), Lyrikerin, �Salz�
- 1997 Dario Fo (Italien), Dramatiker, �offene Zweierbeziehung�
- 1998 Jose Saramago (Portugal), �Die Stadt der Blinden�
- 1999 G�nter Grass (Deutschland), �Die Blechtrommel�
(Freitag 1 Oktober. 1999)
Internet-Verleger setzen auf B�cher ohne Papier
Mit Literatur aus dem Internet wollen zwei Studenten aus Oberhausen frischen Wind in den deutschen Buchmarkt bringen. Ihr "Deutscher Internet Verlag" gibt B�cher ohne Papier und Leinen heraus. "Unsere B�cher bekommen die Leser nur per Datei", sagt Thorsten Mroz (24). Nun hoffen Mroz und sein Partner Michael Pohland (27) auf die herannahende elektronische Konkurrenz zum Medium Buch. Neue Leseger�te f�r elektronische B�cher werden auf der Frankfurter Buchmesse vom 13. bis 18. Oktober in Deutschland gezeigt. Die leichten E-Books zum Mitnehmen bestehen aus Displays zum Lesen der B�cher und kleinen Speichern, auf die Texte vom Computer heruntergeladen werden k�nnen. Mroz hofft, dass die bereits in den Vereinigten Staaten angebotenen Ger�te dem Internet-Verlag zum Durchbruch verhelfen. "Wir arbeiten unsere B�cher bis zur Druckvorstufe auf", sagt er. Sichtung der Manuskripte, Korrektur, Layout, Titel - bei den Jungunternehmern f�llt ganz normale Verlagsarbeit an. Nur gedruckt und �ber den Handel vertrieben werden Internet-B�cher nicht. Die Produktionskosten bleiben auf diese Weise gering. Leser k�nnen die Internet-B�cher f�r wenige Mark von der Homepage des Verlags herunterladen. "Unsere Autoren bekommen 20 Prozent der Einnahmen anstatt acht bis zehn Prozent wie bei einem normalen Verlag", sagt Mroz. Gerade jungen Autoren k�nne so eine Chance gegeben werden. Von rund zehn eingehenden Manuskripten im Monat w�hlen die Jungunternehmer zwei bis vier f�r eine Publikation im Internet aus - Fantasy, Jugendb�cher, Kurzgeschichten. "Unser Bestseller ist das Fantasy-Epos <Leichenfeuer in Ailleach> von einem Autorentrio aus K�ln", sagt Mroz. Buchwissenschaftler sehen der bevorstehenden Einf�hrung der E-Books in Deutschland indessen gelassen entgegen. Neue Forschungsergebnisse w�rden keine starke Ver�nderung des Buchmarkts erwarten lassen, sagt Buch-Experte Stephan F�ssel. "Das Internet hat Experimentcharakter", meint der Leiter des Instituts f�r Buchwissenschaft der Mainzer Universit�t.
Literatur werde auch k�nftig vor allem aus B�chern aufgenommen. "Die Menschen wollen B�cher im Sessel oder in der Badewanne lesen", sagt F�ssel. Bisher seien lediglich digitale Lexika und Ratgeber auf CD-Rom erfolgreich. Mroz sieht den Internet-Verlag als Pionier-Unternehmen auf dem Online-Markt. In seinem Zimmer einer Wohngemeinschaft ist er umgeben von Computern. F�r die Uni bleibe kaum Zeit, sagt der Student der Sozialwissenschaften. "Ich sitze jeden Tag zehn bis 16 Stunden am Bildschirm." Nur mit Abscheu lege er sich auch einmal ein richtiges Buch zum Nachschlagen auf die Knie. "Momentan sind es noch Freaks, die B�cher im Computer lesen wollen", gibt er zu. Freaks gebe es aber viele, ist der Jungunternehmer �berzeugt.
(01.10.1999 )
Umarmungen
Erinnerungen an Erich K�stner
Von Siggi Seu�
Wenn ich an Erich K�stner denke, f�llt mit zuallerst nicht ein, was jetzt landauf, landab in Laudatien zu h�ren und zu lesen war. Das hat nichts mit einer Allergie gegen kluge Worte oder interessante Erkenntniswege zu tun. Nein, bei Schriftstellern, deren Gedanken mir als Kind oder als Erwachsenen auf ganz besonders herzliche Weise n�her kamen, sperrt sich in mir etwas, wenn ich mich ihrer zu feierlichen Anl�ssen mit intellektuellen Ma�st�ben erinnern soll. Das w�re etwa so, als w�rde ich einem guten Freund zum Geburtstag seinen eigenen Lebenslauf rezitieren, statt ihn einfach zu umarmen.
Nein, ich weigere mich zum B�cherschrank zu gehen, die zerfledderten oder verstaubten, griffbereiten oder links liegen gelassenen K�stnerb�cher hervorzukramen. Ich weigere mich, zu assoziieren, zu rezitieren, zu tirilieren. Das ging mir schon zu Astrid Lindgrens Neunzigstem so, obwohl sie mir seit Kalle B. und Ronja R. ans Herz gewachsen ist. - Stopp, nat�rlich nicht sie, sondern der Teil von ihr, der in die Pers�nlichkeit ihrer Figuren schl�pfte. Was sie au�erhalb ihrer Geschichten trieb, hat mich reichlich wenig interessiert. Ihre Gesch�pfe waren meine Freunde, und ihre Landschaften waren meine Refugien.
Bei Erich K�stner war das nicht anders - bis zu jenem Tag, als ich auf einem Treppenabsatz sa� und in den Hinterhof des Mietshauses K�nigsbr�cker Stra�e 48 in der Dresdner Neustadt guckte. Ich m�sste jetzt nachsehen, ob zwischen dem dritten und vierten oder dem zweiten und dritten Stockwerk. Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass das Treppenhaus mit dem Fenster zum Hof K�stners erster Beobachtungsposten Richtung feindliches Leben gewesen war. Fragen Sie jetzt bitte nicht, warum ich auf diesem Treppenabsatz Platz nahm und mich ans benachbarte Fensterbrett lehnte, 90 Jahre, nachdem Klein-Erich dort sa� und seine Schlacht- und Fluchtpl�ne entwarf, mit Zinnsoldatenarmee oder ohne.
Ich sa� einfach da, verga� Sinn und Zweck meiner journalistischen Mission, betrachtete das blank gewienerte Treppenhausparkett, bemerkte die ausgetretenen Bodenmulden darin, sah die T�r auf halber Treppe, hinter der sich einst das Plumpsklo verbarg, vernahm Kinderlachen und Gekeife hinter den Wohnungst�ren, schnupperte den Duft von Erbsensuppe und Bohnenwachs. Und h�rte eine resolute Frauenstimme von der Wohnung unter mir heraufrufen: "Erich, du Draanduude, Essn is ferddsch!" Oder war's der fr�nkische Tonfall meiner Mutter? "Siechfried, wos draamsdn scho wejdr! Kumm runder, essn!" Oder h�rte ich gar die Stimme meiner s�chsischen Gro�mutter, die ihren J�ngsten - meinen Vater - sanft aufforderte: "Nu, Horschdl, h�r uff zu m�rn, di Buddrbemmen stehn uffm Disch!"
Egal, wer nun tats�chlich rief, pl�tzlich sa�en neben mir der kleene Horschdl und der kleene Erich, und ich selbst f�hlte mich eigent�mlich auf die Ma�e eines Zw�lfj�hrigen geschrumpft. Nie war ich Erich K�stner so nah wie an jenem Samstagmorgen auf dem Treppenabsatz im Mietshaus K�nigsbr�cker Stra�e 48. Und nie war er mir so nah wie an diesem Tag.
Von unten drang ged�mpfter Stra�enl�rm herauf, Autos hupten, die Elektrische klingelte, und ich sa� mit Erich und Horst bewegungslos eingeklemmt zwischen Fenster zum Hof, Mutterstimme und l�rmender Welt vor der Haust�r. Wusste nicht, wann ich war, wusste nicht, wer ich war. Erich, Vater, Klein-Siechfried? So viele Erinnerungen in so kurzer Zeit. Erinnerungen an B�cher, an Geschichten, Erinnerungen an ein Kleinstadtmietshaus mit Plumpsklo auf halber Treppe und Fenster zum Hof. Erinnerungen an die Erinnerungen meines Vaters an die Kindheit, Dresden 1930. Erinnerungen an Erich K�stners Erinnerungen, Dresden 1911. Oder gar Erinnerungen an Emils Kindheit?
Emil und die Detektive. Berlin 1930. Eigenartig: Ich siedelte das Szenarium aus Billy Wilders K�stnerverfilmung von 1931 immer in Dresden an, nie in Berlin. Gustavs Bande, kniestr�mpfig, solidarisch, diszipliniert, mutig, gewieft, gerechtigkeitsliebend auf der Spur des B�sen im Sumpf der Gro�stadt. Das B�se: drau�en vor der Haust�r. Das Gute: in Mutters K�che. Der Ort der Inspiration: der Treppenabsatz. Das Basislager: der Hinterhof. Die Detektive: eine Ortsgruppe der Sozialistischen Arbeiterjugend, von der mein Vater immer schw�rmte, mit einer Prise vorweggenommenem Kommandoton aus der Hitlerjugend.
Emil gesellt sich zu uns auf den Treppenabsatz, irgendwann an einem Samstagmorgen am Ende dieses Jahrhunderts. Wir riechen den Duft von Bohnerwachs und Erbsensuppe. Wir h�ren den L�rm von der Stra�e, wir gucken aus dem Fenster zum Hinterhof. Wir befinden uns pl�tzlich im Jahr 1930. Wir sind alle zw�lf Jahre alt und haben noch ein ganzes Leben vor uns. Das Ende einer Republik. Eine m�rderische Diktatur. Einen m�rderischen Krieg. Vielleicht sterben wir, vielleicht �berleben wir, wie Erich, wie mein Vater. Was aus Emil geworden ist, wei� niemand.
Vielleicht werden wir mal ein Parteisekret�r der SED, vielleicht ein Journalist im Westen, vielleicht auch ein Autoschlosser im Frankenwald oder ein Gebrauchsgrafiker in Kleinzschachwitz. Vielleicht erleben wir sogar noch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Vielleicht sitzen wir eines Morgens nebeneinander auf dem Treppenabsatz in einem Mietshaus in der K�nigsbr�cker Stra�e, denken an Schlacht- und Fluchtpl�ne und warten darauf, da� uns Mutter zum Essen ruft. "Erich, du kleener Griibbs! Zum Geburdsdaach gibbs heud Eirsch�gge!"
(Frankfurter Rundschau, 2.10.1999)
Polen "fahnden" in Deutschland nach ihrem Kulturgut
Polens Justizministerin Hanna Suchocka hat bei der deutschen Staatsanwaltschaft beantragt, die in Deutschland aufgetauchte Ausgabe der "Cosmographie" von Ptolem�us im Wert von umgerechnet 8,4 Millionen Schilling (mehr als 610.000 EURO) sowie zw�lf weitere kostbare Altdrucke sicherzustellen. Es bestehe der Verdacht, dass es sich bei dem von einem K�nigsteiner Auktionshaus zum Verkauf angebotenen Werken um einen Teil der aus der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek gestohlenen B�cher handelt.
Die polnische Justiz st�tzt sich auf einen Vergleich des im Auktionskatalog abgebildeten h�lzernen Reliefs auf der Titelseite des "Ptolem�us'" mit einer in Krakau erhaltenen geblieben Bildkopie desselben. Es k�nne keine zwei identischen Titelreliefs geben, meinen polnische Experten. Als weiteren Beweis wird der am Freitag erschienene Bericht der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza gewertet. Darin beschrieb der Journalist Wlodzimierz Kalicki, wie er in Begleitung eines Spezialisten f�r antiquarische �cher als Kaufinteressent getarnt das Buch- und Kunstantiquariat Rei� & Sohn in K�nigsberg besuchte. Die beiden konnten zehn der 13 von dem Auktionshaus angebotenen Inkunablen einsehen, deren Titel, Herausgabejahr und -Ort sowie Drucker mit den in Krakau gestohlenen identisch sind. Der Experte der Nationalbibliothek entdeckte in allen �berpr�ften B�chern hervorragend ausgef�hrte "Nachbesserungen" neueren Datums an den zur Identifikation der Herkunft entscheidenden Stellen. Insgesamt hatte die Krakauer Jagiellonen-Bibliothek im Mai dieses Jahres 51 alte Drucke und Inkunablen als gestohlen gemeldet.
Eine daraufhin eingeleitete Inventur brachte zu Tage, dass die von Profis ausgef�hrten Diebst�hle vermutlich mehrere hundert Positionen, darunter m�glicherweise auch die in Krakau lagernden Best�nde der Preu�ischen Staatsbibliothek umfassen. Der Besitzer des Auktionshauses, Godebert M. Rei�, erkl�rte gegen�ber Gazeta Wyborcza, dass das von Polen reklamierte "Ptolem�us"-Exem-plar "aus einer anderen Quelle" stamme, die er aber "aus Gr�nden der Diskretion" nicht angeben k�nne. "Die legale Herkunft dieses Exemplars aus einer v�llig anderen Bibliothek k�nnen wir dokumentieren", so Rei�. Zu weiteren Titeln k�nne er sich nicht �u�ern, da er keine konkreten Angaben habe. Das Auktionshaus habe sich bereits von sich aus mit der deutschen Staatsanwaltschaft in Verbindung gesetzt, um "den ganzen Komplex so schnell wie m�glich aufzukl�ren".(DER STANDARD, 5. Oktober 1999)
Buchschlacht um England
Die neuen Superstores k�mpfen im K�nigreich gegeneinander und um die Kunden
Von Holger Ehling
Der Duft von Caffe Latte h�ngt in der Luft, �ber das Lautsprechersystem klim-pert Salonjazz, auf roten Ledersofas r�keln sich b�cherlesende Menschen - das Szenario im gr��ten Buchkaufhaus Europas, das j�ngst am Londoner Piccadilly er�ffnet wurde, ist angetan, zu polarisieren. Eine monstr�se Kommerzialisierung des Kulturguts Buch beklagen die einen; Kundenfreundlichkeit, Hemmschwellensenkung und Blick auf die Zukunft r�hmen die anderen. Wo immer in diesem Disput auch die Wahrheit liegen mag, der Sinn des Superstores, den Waterstones, der gr��te Buchfilialist Europas, eingerichtet hat, ist eindeutig: Nicht um das Wahre, Gute, Sch�ne der Literatur geht es, sondern um die sch�ne gute Ware Buch.
In dem Kampf, den besonders die Gro�buchh�ndler Waterstones, Borders und WH Smith derzeit im K�nigreich ausfechten, geht es in erster Linie nicht um Leser, sondern um K�ufer. Der Anreiz des entspannten Kaufambientes, das zum Schm�kern verlocken soll, ist nichts weiter als Mittel zum Zweck: Wer eine halbe Stunde lang auf einem Sofa herumgeflegelt hat, kauft in der Regel irgend etwas, und sei es auch nur einen Espresso von der Cafebar. Mit dem neuen Superstore im denkmalgesch�tzten Geb�ude des ehemaligen Warenhauses Simpson's hat Waterstones den Kampf um Marktanteile auf voller Linie entfacht. US-Konkurrent Borders, der zweitgr��te Buchh�ndler der Welt, hatte mit seinem ersten Londoner Superstore am Oxford Circus im vergangenen Jahr die Schlacht er�ffnet. Jetzt antwortet Borders auf den Schachzug von Waterstones mit einem weiteren Gro�buchladen an der traditionellen Buchmeile Charing Cross Road, direkt gegen�ber einer Filiale des Konkurrenten. Gleich nebenan wartet die Fachbuchhandelskette Blackwell's auf Kunden, und etwas weiter s�dlich staubt der Buchhandelssaurier Foyles stoisch vor sich hin. Und Waterstones er�ffnet im n�chsten Jahr einen weiteren Superstore m Oxford Circus. Wer jetzt meint, die Millioneninvestitionen g�lten einem rasant wachsenden Markt, liegt falsch: der britische Buchmarkt stagniert seit Jahren. Waterstones-Vorstand Alan Giles musste bei der Pr�sentation seines entt�uschenden Gesch�ftsberichts f�r das abgelaufene Jahr eingestehen, dass keine relevante Steigerung der Ums�tze zu erzielen gewesen sei. Und laut Booktrack, einem Verkaufskontrollsystem, das in rund 90 Prozent aller britischen Buchhandlungen installiert ist, lag der Wert der Buchverk�ufe Anfang September um gut zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Wo ist dann der Sinn von Gro�investitionen in s�ndhaft teure Superstores? Waterstones hat in die Renovierung des Simpsons-Geb�udes, das in den drei�iger Jahren im Bauhaus-Stil errichtet worden ist, umgerechnet mehr als 15 Millionen Mark investiert. Allein die Mietkosten belaufen sich auf 4,5 Millionen Mark pro Jahr. Die Antwort von Waterstones-Gesch�ftsf�hrer David Kneale ist denkbar einfach: Es sei sicherlich klug, in eine starke Marke zu investieren, wenn die Konkurrenz dazu nicht in der Lage ist. Was nichts weiter hei�t, als dass Waterstones durchaus gewillt ist, wirtschaftliche Vernunft auf Zeit hintanzustellen, wenn die Chance besteht, die Konkurrenz vom Markt zu dr�ngen. Verdr�ngung ist das Stichwort, um die Zust�nde auf dem britischen Markt zu beschreiben: in einem stagnierenden Markt ist nur auf diese Weise das �berleben zu sichern. Waterstones selbst liefert mit dem neuen Superstore ein Musterbeispiel f�r diese Methode: Gleich nebenan exisitiert seit �ber 200 Jahren die Traditionsbuchhandlung Hatchard's, die zum gleichen Konzern geh�rt. Hatchard's hat zwar einen festen, treuen Kundenstamm und ein f�r britische Verh�ltnisse exzellentes Personal. Ob aber tats�chlich ein Einbruch vermieden werden kann, ist mehr als fraglich. Am Ende w�re es keine �berraschung, wenn die Kostenrechner im Konzern dem Traditionsbuchladen das Licht abdrehen.
Verdr�ngung durch pure Marktpr�senz und Gr��e ist das eine Mittel, das die Gro�buchh�ndler besitzen: Kein unabh�ngiger Buchh�ndler kann konkurrieren mit dem Sortiment von 265 000 Titeln, die Waterstones anbietet. Heimt�ckischer aber ist die zweite Waffe im Arsenal der Konzerne: der Preis. Mit kr�ftigen Rabatten werden Kunden gelockt und so der l�stigen Konkurrenz das Wasser abgegraben - der Wegfall der Preisbindung in Gro�britannien macht dies m�glich. Die Einkaufspower der Konzerne verschafft ihnen zudem wesentlich g�nstigere Konditionen: Bis zu 70 Rabatt gew�hren die Verlage auf potentielle Bestseller bei Abnahme von hohen St�ckzahlen - was die Kalkulation durchaus einfacher macht f�r die Abnehmer. Den Kunden allerdings kommen die hohen Rabatte, die die Konzerne erzielen, nur selten zugute: gerade einmal drei Prozent aller 1998 verkauften B�cher waren im Preis reduziert.
Die Verkaufspreise f�r Belletristik im Hardcover sind seit dem Wegfall der Preisbindung pro Jahr um fast zehn Prozent gestiegen. Die britischen Verlage reagieren auf die ver�nderten Bedingungen auf ihre Weise: Der stagnierende Markt verlangt nach Belebung, also werden immer mehr Titel produziert, in immer kleineren Auflagen. Der Verkaufsstart wird mit Vorliebe auf kaufstarke Zeiten gelegt: Der Buchhandelsverband beklagte jetzt, das in diesem Jahr im Oktober und November, zu Beginn des Weihnachtsgesch�fts, eine nie dagewesene Titelflut die L�den verstopft.
(Frankfurter Rundschau 1999)
Edgar Allan Poe: 150. Todestag
Der Meister der makabren Mysterien
Edgar Allen Poe war erst 40, als er am 7. Oktober 1849 starb. Die Umst�nde seines Todes waren nicht untypisch f�r ihn.
W�hrend einer Reise wurde der ber�hmte Dichter in Baltimore zur Geburtstagsfeier einer Lady eingeladen, munterte sich nach seiner Gewohnheit mit einem Drink f�r eine spr�hende Rede zu ihren Ehren auf, begann dann heftig zu trinken. Anders als bei vielen fr�heren �hnlichen Anl�ssen machte sein schwaches Herz diesmal nicht mit: Das letzte Glas erwies sich als t�dlich.
Trinker und Taugenichts.
Poe, der als Dichter vor allem die Frauensch�nheit besungen hat und zu Amerikas f�hrenden Poeten geh�rt, ist der Nachwelt als Meister makabrer Mysterien pr�sent geblieben. Seinen Zeitgenossen, die ihn pers�nlich kannten, galt er aber vornehmlich als Taugenichts mit sehr wechselndem sozialen Status, als Trinker.
Erst nach seinem Tod haben Wissenschafter die Auffassung vertreten, dass eine seltene Hirnerkrankung daran mehr Schuld trug als der Alkohol.
Poe war Sohn eines Schauspieler-Ehepaars. Seine Mutter starb , als er zwei Jahre alt war, und er wurde in das Haus des wohlhabenden H�ndlers John Allen in Richmond aufgenommen. Mehrere Jahre lang besuchte er Schulen in England und Schottland, dann die Universit�t. Allen verbot ihm aber die Fortsetzung der Studien, als er hohe Spielschulden anh�ufte und zu trinken begann.
Rauswurf aus West Point
Poe versuchte sich fr�h als Schriftsteller, ging aber dann aus Geldnot zur Armee, bis ihn sein Pflegevater an der Milit�rakademie West Point unterbrachte. Das dauerte nicht lange, weil der junge Poe den Unterricht ebenso wie der Drill schw�nzte - vermutlich, um seine Entlassung unausweichlich zu machen.
Seine ersten Kurzgeschichten qualifizierten ihn als Literatur- Redaktor in Richmond, und er heiratete seine erst 13 Jahre alte Cousine Virginia Clemm. Als er seinen Job wegen des Trinkens bald wieder verlor, ging er mit seiner Frau nach New York.
Dort entwickelte er rasch seinen typischen Stil: Faktisches Material mit seinen wildesten Fantasien kombiniert, Okkultes und Satanisches, Fiebertr�ume, aber mit n�chterner schriftstellerischer Pr�zision erz�hlt. Die Visionen d�sterer Verbrechen in vielen seiner Geschichten, die grauenhaften Friedhofsfantasien haben damals und noch lange danach Untersuchungen und Spekulationen ausgel�st, ob Poe ein Mensch mit zwei Pers�nlichkeiten war: einerseits ein liebender Ehemann, andererseits ein Opfer schwer psychischer St�rungen.
Seine Story �The Fall of the House of Usher� enthielt die Studie �ber einen schweren Neurotiker, die lange als autobiografisch bewertet wurde. Erst sp�ter wurde nachgewiesen, dass Poe einen Bekannten beschrieben hatte.
Erste Detektivgeschichte
�The Murders in the Rue Morgue� dagegen galt damals und gilt bis heute als die erste Detektiv-Geschichte �berhaupt und als Vorbild f�r alle Kriminalliteratur. Ein theoretischer Versuch mit dem Titel �Eureka�, in dem er das Universum �transzendental� zu erkl�ren versuchte, galt manchen genial, manchen als blanker Unsinn.
Vor Poes Landsleuten haben ber�hmte franz�sische Dichter wie Charles Baudelaire und Stephane Mallarmee ihn als literarisches Genie eingeordnet. Aber auch viele Psychoanalytiker haben sich intensiv mit ihm besch�ftigt - sogar Sigmund Freud.
Die digitale Revolution.
Schon oft wurde der Tod des Buches beschworen. Nun aber scheint er in greifbare N�he zu r�cken.
Das E-Book
Texte werden aus dem Internet geladen, und auf dem handlichen Lese-Computer kann nun in diversen Werken digital geschm�kert werden. Die elektronische Bibliothek kann der Literatur-Freund nun stets bei sich tragen, wenn ihm rund 1/2 Kilo Gewicht und der Preis von 350 US Dollar nicht zuviel sind. In �sterreich ist das gute St�ck aber erst n�chstes Fr�hjahr erh�ltlich. Der Buchhandel B�cher via Internet zu bestellen, ist bereits weit verbreitet. Der Branchenriese amazon.com hat machte vor, wie es geht, und andere Anbieter zogen nach. Mit dem Handel �bers Netz ger�t das klassische Berufsfeld der Grossisten und Buchh�ndler in Gefahr. Die neueste Variante im Business hei�t "print on demand". Die Texte liegen nur digital vor und werden erst dann gedruckt und gebunden, wenn der Kunde den Titel bestellt. Lagerung ist nicht mehr n�tig und das neue Verfahren erm�glicht auch Nachwuchs-Literaten, die keinen Verlag finden, eigene Werke in kleiner Auflage drucken zu lassen.
Literatur im Netz
Das Medium ist die Botschaft. Im Internet gewinnt diese Aussage an Gewicht. Der deutsche Techno-Literat Rainald Goetz arbeitete vergangenes Jahr an einem Online-Tagebuch mit dem wegweisenden Titel "Abfall f�r alle. Mein t�gliches Textgebet". Der interessierte Surfer konnte den Schreib-Prozess hier live mitverfolgen. Das inhaltliche Gewicht des Tagebuchs stand dabei weniger im Vordergrund, was die jetzt erschienene Print-Ausgabe deutlich belegt. Die �sterreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz nutzt das Medium, um dem Dichter-Nachwuchs auf die Spr�nge zu helfen. Auf den Seiten der Schule f�r Dichtung in Wien bietet sie Internet-Schreib- Kurse an.An den Versuchen neue literarische Formen im Zukunftsmedium zu schaffen, beteiligen sich inzwischen eine Vielzahl namhafter Autoren. An dem Projekt Pool schreiben u.a. die Jungstars Christian Kracht und Moritz von Uslar mit. Was entsteht, ist ein fortlaufender Text, der t�glich erweitert wird. Den Wert umschreibt ein mitwirkender Autor mit dem Begriff 'Gelalle'.
Die Zukunft
Ob Buchhandlungen und B�cher zum Ber�hren in Zukunft verschwinden, ist letztlich noch offen und darf wohl noch bezweifelt werden. Den sinnlichen Aspekt beim Kauf und das haptische Erleben beim Lesen kann die digitale Medienwelt nicht bieten. (29.9.99)
Silberscheibe kontra Papier - Elektronische Medien auf der Buchmesse
Die Revolution ist verschoben. Das erste elektronische Buch, das �Rocket eBook�, wird nicht zum Weihnachtsgesch�ft auf den deutschen Markt kommen. Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse war das handliche, allerdings etwas schwere Ger�t zum potenziellen Highlight erkl�rt worden. �Vielleicht im Fr�hjahr�, so die vage Auskunft der Verantwortlichen, k�nne ein ausreichendes Angebot an Inhalten zur Verf�gung stehen, um das �eBook� mit Aussicht auf Erfolg auf den Markt bringen zu k�nnen. Mindestens 500 Titel sollen verf�gbar sein, darunter sowohl Belletristik als auch popul�re Sachb�cher. Derzeit haben der �eBook�-Hersteller Nuova media und der Online-Dienst BOL, der den Deutschlandvertrieb organisiert, Zusagen von 15 Verlagen f�r rund 300 Titel. Bereits abrufbar sind allerdings erst 50 B�cher im elektronischen Format.
Billig wird die Erfahrung des elektronischen Lesens allerdings nicht: Das �eBook� selbst kostet derzeit in den USA umgerechnet etwa 600 Mark und wird in Deutschland zur Markteinf�hrung deutlich teurer sein. Und f�r jeden gespeicherten Titel wird der stolze Besitzer genauso viel bezahlen m�ssen wie f�r ein gedrucktes Exemplar im Buchhandel - schon wegen der Buchpreisbindung.
Unter dem Motto �Buch @Internet� steht bei der 51. Frankfurter Buchmesse der Themenschwerpunkt Online-Buchhandel. Eine ganze Halle ist ausschlie�lich den elektronischen Medien gewidmet. Eine auf der Buchmesse vorgestellte Studie zeigt, dass kein anderes Produkt erfolgreicher �ber das Internet vermarktet wird als das gedruckte Wort. Doch der Online-Buchhandel ist nur eine Zwischenstation. Gerade bei reinen Gebrauchsmedien wie Lexika ist der Trend zum digital gespeicherten statt zum gedruckten Wort un�bersehbar. Der gr��te deutsche Lexikon-Verlag Brockhaus pr�sentierte zum Beispiel seine neue CD-Rom �Brockhaus multimedial 2000�.
Waren die meisten bisherigen Lexika auf Silberscheiben nur �bernahmen der gedruckten Ausgabe, so ist mit der neuen Ausgabe erstmals eine komplette Verkn�pfung aller Informationen gegeben. Gleich, auf welches Wort innerhalb eines Artikels man klickt: Stets zaubert die CD-ROM weitergehende Informationen auf den Schirm. Trotzdem soll es weiter gedruckte Lexika von Brockhaus geben. Die vergleichsweise billige CD-ROM (179 Mark f�r die Premium-Ausgabe mit drei CD's) wird die gebundene Enzyklop�die eben nicht ersetzen, sondern nur erg�nzen. Aber auch abseits der Nachschlagewerke ist der Trend hin zum virtuellen Buch un�bersehbar. Hat das gedruckte Buch also �berhaupt noch eine Zukunft?
Lothar Menne vom Heyne-Verlag: �Die Zukunft des Buches ist mir wurscht, solange wir unsere Inhalte vertreiben k�nnen, egal in welcher Form. Ich bin in der Buchbranche t�tig, nicht in der Papierindustrie!�
(Sven Felix Kellerhoff; � Berliner Morgenpost 1999)
Die neuen B�cher: Selbst ein Exemplar lohnt
Hamburg - Bislang konnte Verlegerin Gabriele Wachholtz aus Neum�nster immer nur Nein sagen, wenn wieder mal jemand wegen der Chronik der norddeutschen Familie "Die Schimmelmanns" anfragte. Der Originaltitel, erstmals 1974 erschienen, ist l�ngst vergriffen. Eine Neuauflage lohnte sich nicht - zu teuer, zu wenig Leser. Seit kurzem ist das Buch wieder zu haben. M�glich macht das ein neues Angebot des Hamburger Buchgro�handels Georg Lingenbrink GmbH, bekannt unter dem Namen Libri. "Wir verlegen jetzt auch B�cher f�r sehr wenig Geld", sagt J�rg Zaag, Leiter des neuen Gesch�ftszweigs "Books on Demand" - �bersetzt: B�cher auf Bestellung. Daf�r hat Libri ein eigenes Verfahren entwickelt. Die Autoren oder Verleger liefern das fertige Manuskript. Das wird digitalisiert und auf Festplatte gespeichert.
Danach k�nnen beliebig viele Exemplare hergestellt werden. Es rechnet sich aber auch schon ein Exemplar - die Anlaufkosten einer richtigen Druckerei und die Lagerkosten fallen weg. Das gef�llt vielen. "Wir haben da in ein Wespennest gestochen", so Zaag. Jeden Tag gebe es mehr als 20 Anfragen. "Wir gehen davon aus, dass wir unser Personal in diesem Bereich von 20 Mitarbeitern mindestens verdoppeln m�ssen." Denn den neuen Druck k�nnen selbst Kunden finanzieren, die wenig Geld haben: Die Bearbeitung eines 200 Seiten starken Manuskriptes auf Diskette kostet einmalig 220 Mark. Wer sein Werk auf Papier einreicht, zahlt 270 Mark. Der Text muss n�mlich noch in den Computer eingelesen werden. Pro Buchexemplar fallen nach diesem ersten Schritt etwa zw�lf Mark Druckkosten an. Und alle B�cher erscheinen in Taschenbuchqualit�t - wahlweise in f�nf verschiedenen Formaten.
(15.10.1999, Hamburger Abendblatt)
Bestellung per Mausklick, Lesen am Mini-Bildschirm: Der deutsche Buchhandel steht vor der elektronischen Revolution. Bedrohung oder Chance f�r den klassischen Buchladen um die Ecke?
Hamburg - Platz f�r 36 000 Seiten. In der Hosentasche. Gerade mal 600 Gramm schwer. Rund 550 Mark teuer. Und garantiert ohne Eselsohren. Das ist das Rocket EBook. Und nach den Vorstellungen im Hause Bertelsmann das Buch der Zukunft. Der G�tersloher Medienkonzern wird den Kleinstcomputer in Kooperation mit dem US-Unternehmen NuvoMedia Anfang n�chsten Jahres in Europa auf den Markt bringen. Und rund 500 deutschsprachige Buchtitel anbieten, die im Internet gekauft und per Telefonleitung auf das elektronische Medium �berspielt werden k�nnen. "Das Internet hat sich durchgesetzt", so eine Unternehmenssprecherin gegen�ber dem Abendblatt, "die Zeit ist einfach reif f�r das Rocket EBook." Ob sich das in der Branche kontrovers diskutierte Computerbuch durchsetzen wird oder nicht - unstrittig ist offenbar: Dem elektronischen Buchhandel stehen rosige Zeiten bevor. Schon heute z�hlt das klassische Buch neben Reisen und Musik-CDs zu den beliebtesten Produkten des elektronischen Handels - Tendenz steigend. "Viele Kunden", hei�t es in der Branche, "haben Blut geleckt." Der Umsatz mit B�chern im Internet, so die j�ngsten Prognosen des B�rsenvereins des Deutschen Buchhandels, wird sich in den kommenden vier Jahren auf 1,2 Milliarden Mark verzehnfachen. Mindestens jedes siebte Buch werde dann nicht mehr �ber die Ladentheke, sondern per Mausklick verkauft. Und wenn erst die Buchpreisbindung falle, werde diese Marke "noch weit �bertroffen", so die �berzeugung von Richard von Rheinhaben von der Projektgruppe Internet-Buchhandel. 1,8 Milliarden Mark Umsatz seien dann m�glich - ein Marktanteil von rund acht Prozent am gesamten deutschen Buchmarkt. Noch gr��er, glauben Branchenkenner, ist das Potenzial in den USA. Dort werden sich nach �berzeugung des Marktforschungsinstituts Forrester Research in den n�chsten vier Jahren 20 Prozent des Buchgesch�fts auf das weltweite Datennetz verlagern. Die Folge: Immer mehr Unternehmen wollen ein St�ck ergattern vom Buchhandel per Mausklick.
Bertelsmann plant den B�rsengang seines Internet-Buchladens Bol. Die Douglas-Tochter Ph�nix-Montanus erh�ht ihren Anteil am Internet-Buchh�ndler Buch.de. Auch ein Markt f�r Gebrauchtb�cher hat sich bereits etabliert. Microsoft hat ein Computerprogramm entwickelt, das das Lesen am Bildschirm mit dem Lesen auf Papier vergleichbar machen soll. Und wie die Hamburger Libri-Gruppe (siehe Kasten), Xerox und Bertelsmann bietet k�nftig auch IBM ein eigenes Konzept f�r den Druck so genannter Individualb�cher an. Auch wenn man vorerst beim US-Computerriesen "keine nennenswerten Ums�tze" erwartet, ist man �berzeugt: "Das ist eine Investition in die Zukunft." Die k�nnte angesichts der immer st�rker werdenden elektronischen Konkurrenz f�r den station�ren Buchh�ndler weniger rosig aussehen. Das Internet sei "eine Bedrohung f�r den Buchladen um die Ecke", sagt Richard von Rheinhaben vom B�rsenverein. "Die Marktanteile werden sich zu Gunsten der Internetanbieter verschieben", ist auch Thomas Claussen von der Unternehmensberatung Andersen Consulting �berzeugt. "Die Rolle des Buchh�ndlers wird sich wandeln." Das hei�t: Wer �berleben will, muss den Kunden mit guter Beratung in den Laden locken, ihm dort das Einkaufen zum Erlebenis machen. Und das Internet f�r sich nutzen - als zus�tzlichen Vertriebskanal. "Hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen", glaubt Claussen, "die Konzentration auf dem Buchh�ndlermarkt ist schon heute deutlich."
Ein Trend, der auch die Onlineanbieter erfassen wird. Schon wird in Fachkreisen �ber eine Neuordnung der noch jungen Branche spekuliert, bei der in etwa drei Jahren nicht mehr als drei Anbieter den Markt unter sich aufteilen. Zwar k�nnen heute fehlende Gewinne mit n�tigen Anfangsinvestitionen in Millionenh�he erkl�rt werden. Aber wer demn�chst kein klares Gesch�ftsmodell habe, wird nach Meinung von Branchenkennern "auf die Nase fallen" - sp�testens nach Ende der Buchpreisbindung, also in etwa zwei Jahren. "Wer sich dann nicht unter den gro�en zwei oder drei etabliert hat, wird Probleme bekommen", hei�t es, "da sind Innovationen gefragt." Wie etwa das Rocket EBook - wenn auch nicht als Allheilmittel. "Das klassische Buch wird auch k�nftig noch so viele Emotionen wecken", so Berater Claussen, "das wird es noch in hundert Jahren geben."
(15.10.1999, Hamburger Abendblatt)
Der Virtuelle Buchh�ndler: Neue K�uferschichten im Visier
"Guten Tag, Herr Meier. Hat Ihnen meine Empfehlung vom letzten Mal gefallen?" Der h�fliche, wenn auch virtuelle Buchverk�ufer Eckermann im Internet r�t seinem Kunden heute zur Bismarck-Biographie von Lothar Gall. Diese Vision des Buchkaufs im Jahr 2005 pr�sentierte der Bertelsmann-Manager Klaus Eierhoff in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse. Die Revolution durch die elektronischen Medien hat auch Buchhandel und Verlage erfasst, und die Branche pendelt zwischen Panik und Aufbruchstimmung. Bis 2003 werde sich der Umsatz in Deutschland mit B�chern im Internet auf 1,2 Milliarden Mark im Jahr verzehnfachen, sch�tzt der B�rsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Anteil am Gesamtumsatz stiege von einem auf immerhin rund sieben Prozent. "Das Internet ist eine Bedrohung f�r den Buchladen an der Ecke", sagt Richard von Rheinbaben vom Online-Anbieter buecher.de. Nur schiere Gr��e oder eine Spezialisierung k�nnten wirksam sch�tzen. "Die Landschaft des Buchhandels in Deutschland wird sich radikal ver�ndern." Der Vorsteher des B�rsenvereins, Roland Ulmer, betont dagegen, die Buchh�ndler h�tten das Internet als Chance begriffen. Rund die H�lfte der E-Commerce-Ums�tze erzielten derzeit rund 1200 Sortimentsbuchhandlungen mit ihrer "elektronischen Filiale" im Netz.
Das Internet sei eben auch "ein lokales und regionales Medium". Auch Kultur-Staatsminister Michael Naumann h�lt nichts von bisweilen zu vernehmenden "apokalyptischen Untert�nen". Schlie�lich erm�gliche das Internet auch, dem Buch neue K�uferschichten zu erschlie�en. Nat�rlich wird es weiter Buchl�den geben, darin sind sich alle einig. "Die nette Verk�uferin, die mir die Bismarck-Biographie n�her bringt, ist schlichtweg durch nichts zu ersetzen", wei� Bertelsmann-Manager Eierhoff um die Grenzen seines 3-D-Verk�ufers im Cyberspace bei BOL.de.
Eine gro�e Rolle spiele dabei die Preisbindung der B�cher, meint Rheinbaben von buecher.de. Die Europ�ische Kommission werde den festen Ladenpreis sp�testens in ein paar Jahren kippen, und dann k�nne das Internet seine gro�en Tr�mpfe voll ausspielen: Weltweite Kostentransparenz und Flexibilit�t, etwa bei der Preisauszeichnung. Dass das globale Medium Internet selbst zur Aush�hlung der Buchpreisbindung beitragen werde, glaubt Eugen Emmerling vom B�rsenverein indes nicht. Die Anbieter und der Auslieferer bef�nden sich in Deutschland und seien damit den Fixpreisen unterworfen. Die Entwicklung der Technik ver�ndert nicht nur den Vertrieb. Auf der Frankfurter Messe zeigen Aussteller, wie B�cher erst nach der Bestellung durch den Kunden hergestellt werden. Das "Publishing on Demand" erm�glicht individuelle B�cher - Brockhaus bietet pers�nliche B�cher zum Jahrtausendwechsel an. Andererseits kann das Verfahren mit nur geringen Kosten alle in Schubladen verstaubende Romane ans Licht der virtuellen �ffentlichkeit holen und vergriffene B�cher, f�r die sich eine Neuauflage nicht lohnt, stets verf�gbar halten. Wirtschaftlich aber d�rfte das "Printing on Demand" kaum �ber ein Nischendasein herauskommen. Zur�ckhaltend �u�ert sich der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren im B�rsenverein zu den Chancen einer Neuheit, die auf der Messe vorgef�hrt wird. Das eBook kann mit immer neuen Titeln frisch geladen werden. Minister und Ex-Verleger Naumann habe schon erkl�rt, dass er mit so einem Ger�t nicht abends im Bett schm�kern k�nne, berichtete der Gr�nder des Arbeitskreises, Florian Langenscheidt.
(1999 Tagesspiegel)
Eine Klassikerin zu Lebzeiten. Die britische Autorin Doris Lessing wird 80 Jahre alt
London - Sie gilt als Klassikerin zu Lebzeiten und wird immer wieder als Kandidatin f�r den Literatur-Nobelpreis gehandelt: Doris Lessing. Der Lebensweg der erfolgreichen und angesehenen Schriftstellerin scheint typisch f�r ein Kind des britischen K�nigreichs: Geboren als Doris May Taylor und als Tochter eines Kolonialoffiziers im fr�heren Persien und in S�d-Rhodesien aufgewachsen, zog sie 1949 nach London, wo sie sich bald in der kommunistischen Partei engagierte. Die Begeisterung w�hrte nicht lange: Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 war das Thema Kommunismus f�r sie erledigt. Am Freitag wird die heute im Londoner Stadtteil Hampstead lebende Autorin 80 Jahre alt. In zweiter Ehe war sie kurz mit dem deutschen Emigranten Gottfried Lessing verheiratet, der ihren literarischen Interessen aufgeschlossen gegen�berstand. Die Ehe scheiterte 1949. Gottfried Lessing wurde sp�ter Botschafter der DDR in Uganda und kam dort 1975 unter mysteri�sen Umst�nden ums Leben. Immer wieder w�hlte Doris Lessing in ihren B�chern Afrika als Thema, nicht zuletzt in der f�nfteiligen Romanfolge "Kinder der Gewalt" (1952-1967), in der sie mit der Enge und Heuchelei in den Au�enstationen des britischen Empire abrechnet.
Den internationalen Durchbruch erreichte die Schriftstellerin 1962 mit dem "Goldenen Notizbuch". Je nach Standpunkt kann es als Geschichte der Befreiung der Frau, die ohne Bindung an einen Mann gl�cklicher und erf�llter lebt, ebenso gelesen werden wie als politisches Traktat oder als Chronik eines psychischen Zusammenbruchs. Mit ihrer Biografie "Unter der Haut" und "Schritte im Schatten" kehrte die Autorin, die au�er vielfach verfilmten Romanen auch Kurzgeschichten, Theaterst�cke und Drehb�cher verfasste, zu ihren Urspr�ngen zur�ck und spannte den Bogen von der Kolonialgeschichte �ber die beiden Weltkriege bis hin zur �berwindung des Kalten Krieges. (20.10.1999, Hamburger Abendblatt)
Neue Chance f�r Buchpreisbindung. Wettbewerbskommissar Monti fordert Kompromiss
Br�ssel (dpa). Nach einer Fristverl�ngerung sieht der deutsche Buchhandel eine neue Chance, im Streit mit der EU-Kommission um die grenz�bergreifende Buchpreisbindung zu einer Kompromissl�sung zu kommen. Nachdem Wettbewerbskommissar Mario Monti am Dienstag einer Fristverl�ngerung zugestimmt hatte, wird an diesem Donnerstag eine Delegation von deutschen und �sterreichischen Verlagen und des Buchhandels in Br�ssel erwartet. Da Monti L�sungsvorschl�ge gefordert hat, die nicht bereits vorgelegt wurden, will der B�rsenverein des Deutschen Buchhandels nach Darstellung seines Sprechers Eugen Emmerling bei dem Gespr�ch mit EU-Kulturkommissarin Viviane Reding vor allem sondieren, in welche Richtung die neuen Vorschl�ge gehen sollten. "Wir brauchen einen Rat, damit wir nicht in die falsche Richtung arbeiten", sagte Emmerling der dpa. Er sieht aber auch die Chance, erstmals inhaltlich in Br�ssel �ber die verschiedenen bereits vorgelegten L�sungsvorschl�ge zu reden. Der fr�here Wettbewerbskommissar Karel van Miert habe diese nicht gen�gend gew�rdigt. Dazu geh�rten die Herausnahme eines ganzen Pakets von B�chern aus der Preisbindung, eine zeitliche Befristung der Festpreise und m�glicherweise auch die Nachahmung des franz�sisches Modells. Frankreich sch�tzt sich durch Re-Importklauseln vor einer Unterwanderung des nationalen Preissystems.
Monti hatte sich in einem Gespr�ch mit dem deutschen Kulturstaatsminister Michael Naumann am Dienstagabend angeblich positiv �ber Beschr�nkungen der Re-Importe ge�u�ert. Emmerling wies darauf hin, dass eine L�sung in jedem Fall auch die �sterreicher mit einschlie�en m�sse. Deutschland und �sterreich seien ein Buchmarkt. "Die M�rkte zu trennen, ist eine Fiktion", sagte Emmerling. 80 Prozent der B�cher, die in �sterreich verkauft werden, stammten aus Deutschland.
Stahl Student den Atlas von Ptolom�us?
K�nigstein/Krakau. Die polnische Polizei hat mehr als 60 B�cher und Schriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert in der Wohnung eines bulgarischen Studenten in Krakau beschlagnahmt. Dies meldete die polnische Nachrichtenagentur PAP. Zahlreiche B�nde tragen den Stempel der Jagiellonen-Bibliothek. Aus dieser waren auch einige der B�cher gestohlen worden, die von heute an beim K�nigsteiner Auktionshaus Reiss und Sohn unter den Hammer kommen sollten. Ob der Student auch derjenige war, der den auf 1,2 Millionen Mark gesch�tzten Ptolom�us-Atlas aus dem 15. Jahrhundert gestohlen hat, konnte noch nicht best�tigt werden. Auch die Umst�nde, wie der Atlas schlie�lich nach K�nigstein kam, liegen noch im Dunkeln.
Preu�ische Kostbarkeiten aus Bibliothek verschwunden
Von den Diebst�hlen aus der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek sind nun doch - entgegen vorangegangener Dementis (DER STANDARD berichtete) - auch Werke aus den Best�nden der Preu�ischen Staatsbibliothek betroffen. Wie der Direktor der Jagiellonen-Bibliothek, Krzysztof Zamorski, gestern in einem Zeitungsinterview einr�umte, stammen sechs von den insgesamt 55 Werken, die inzwischen als gestohlene identifiziert worden sind, aus der ber�hmten Sammlung, die seit Jahren Gegenstand von Verhandlungen auf Regierungsebene ist. "Das ist eine Trag�die f�r unsere Bibliothek", erkl�rte Bibliotheksleiter Zamorski in diesem Interview. Bei den 55 gestohlenen Werken handelt es sich um wertvolle Altdrucke und Inkunablen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, die alle dem astronomisch-geographischen Bereich entstammen. Zu den bedeutendsten z�hlt ein Werk von Ptolem�us im Wert von 8,4 Millionen Schilling (610.000 EURO), das ebenso wie 17 weitere in Krakau gestohlene Werke in Deutschland im K�nigssteiner Auktionshaus Reiss auftauchte, sowie ein Werk von Galileo Galilei aus dem 17. Jahrhundert und ein Erstdruck von Kopernikus. Diese beiden Kostbarkeiten wurden vor kurzem im Londoner Auktionshaus Christie's entdeckt. Alle wieder gefundenen Werke wurden bereits von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.
Karten ausgeschnitten
Bei den Werken aus den Best�nden der Preu�ischen Staatsbibliothek, deren bedeutender Teil sich seit der Auslagerung w�hrend des Zweiten Weltkriegs in Polen befindet und von der Jagiellonen-Bibliothek verwaltet wird, handelt es sich um sechs Atlanten aus dem 17. Jahrhundert. Ein weiterer Atlas wurde besch�digt aufgefunden; die Diebe hatten die sie interessierenden Karten herausgeschnitten. Wie Zamorski erkl�rte, sei man zun�chst davon ausgegangen, dass die Best�nde der Preu�ischen Staatsbibliothek nicht von den Diebst�hlen betroffen sind, weil sie gesondert aufbewahrt und nicht als Best�nde der Jagiellonen-Universit�t inventarisiert worden seien. Bei genauerer Kontrolle habe sich jedoch herausgestellt, dass ein Teil der Atlanten Mitte der 70er Jahre doch in die eigenen Best�nde �bernommen worden sei. Diese Ma�nahme sei sp�ter zwar r�ckg�ngig gemacht worden, aber ein Teil der Atlanten sei aus technischen Gr�nden im polnischen Teil der Sammlung verblieben.
(DER STANDARD, 20. Oktober 1999)
Heitere Apathie stellte sich ein. Der Schriftsteller Herbert Heckmann ist tot
Er selbst beschrieb sich als K�chenkraut: "Das Heckm�nnchen, das ebenso hoch wie breit werden kann, w�chst mit Vorliebe in fettem nahrhaftem Boden, zwischen K�chenabf�llen aus Dreisternerestaurants; in Antiquariaten und alten Bibliotheken dagegen wuchert es & Das frische Kraut, fein gewiegt, gibt dem gr�nen und dem gemischten Salat die abschlie�ende W�rze, vor allem jedoch auch dem Bildungssalat & Beachtenswert ist die Wirkung des Heckm�nnchens auf den Blutdruck & Es macht den Puls langsamer und ruhiger und eine heitere Apathie stellt sich ein, die nur zu oft als pure Lebensfreude missverstanden wird." Fritz Sch�nborn nannte sich der Verfasser der "Deutschen Dichterflora", die 1980 erschien, und so getarnt steckte Herbert Heckmann die deutsche Gegenwartsliteratur in die Botanisiertrommel, den Wiesenb�ll, die Bernharddistel und auch das Heckm�nnchen. Das fand Beifall; 1982 wurde der Botaniker zum Pr�sidenten der Deutschen Akademie f�r Sprache und Dichtung gew�hlt und darauf Mal um Mal im Amt best�tigt, bis 1986. Selten hat eine Akademie einen so unpr�sidialen Pr�sidenten gehabt.
"Seine Jovialit�t", so schrieb Ludwig Harig, "ist die der Heiterkeit." Unwiderstehlich war der Sinn f�r Ironie und Selbstironie, nach der Phase der Politisierung der Literatur hatte sich die Akademie f�r eine neue Form der Zivilit�t entschieden. Heckmann wurde 1930 in Frankfurt am Main geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte �ber "Elemente des barocken Trauerspiels". Zuletzt war er Professor an der Hochschule f�r Gestaltung in Offenbach. Als Schriftsteller machte er sich au�erhalb seiner poeto-botanischen Studien einen Namen vor allem mit zwei Romanen, "Benjamin und seine V�ter" (1962) und "Die Trauer meines Gro�vaters" (1994), die auf erz�hltechnisch eher traditionelle Weise ein Kind durch die Welt f�hren. An diesem Montag ist Heckmann in Bad Vilbel bei Frankfurt gestorben.
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(Letzte �nderung erfolgte am 31. Oktober 1999)